Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2017

Deleuze denken

Gilles Deleuze gilt nicht nur unter bekennenden Deleuzianier*innen als der letzte große Philosoph. Doch ist diese Ansicht in der akademischen Philosophie umstritten, sie zu vertreten geradezu riskant. Deleuze, zwar ein ausgewiesener Kenner der weitverzweigten Philosophiegeschichte, hat selten Wert darauf gelegt, Positionen oder Traditionen gemäß der logizistischen Begrifflichkeiten zu rekonstruieren. Vielmehr ist seine Philosophie insbesondere seit der Zusammenarbeit mit Felix Guattari von einer eigentümlichen ursprünglichen Zugänglichkeit, einer Literalität gekennzeichnet, die Spinnern gleichermaßen die Türen und Tore öffnet wie sie akademischen Philosophen das Wort der Unvernunft redet. Für die Literatur- und Medienwissenschaft hingegen gilt er als große und unerschöpfte Inspirationsquelle. In konzentrierter Lektüre wollen wir uns über die keyconcepts Zugänge zu seinem „Werk“ verschaffen. Michel Foucault hat über Deleuze in seiner eigentümlich paradoxen Art prognostiziert, dass das gesamte 21. Jahrhundert deleuzianisch werden könnte, oder auch nicht. Zwar ist das späte 20. Jahrhundert und noch das 21. Jahrhundert foucaultianisch geprägt; ob das so bleiben wird oder soll, wollen wir im Seminar zur Diskussion stellen. Das Seminar richtet sich ausschließlich an interessierte und geduldige Leser*innen. Hauptsächlich ist es als Lektürekreis konzipiert, in dem Kurzüberprüfungen in Form von Expertensitzungen abgelegt werden können. Deleuze erfordert Hingabe und Instinkt sowie die Bereitschaft, nicht Dieselbe oder Derselbe bleiben zu wollen, daher zur Hinführung oder eher als Kompatibilitätstest empfohlen:Gilles Deleuze|Félix Guattari: Rhizom, Berlin: Merve 1977 oder Gilles Deleuze|Félix Guattari: Kafka: Für eine kleine Literatur, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976.

schwarz/weiß

schwarz/weiß ist der markante Einband der deutschen Übersetzung von Kritik der schwarzen Vernunft (2014) des afrikanischen Philosophen Achilles Mbembe. Und auch ohne eine Zeile dieses Werks gelesen zu haben, ist ersichtlich, dass es auf einen Problembestand einer kulturwissenschaftlich un- oder unterinformierten Geisteswissenschaft verweist. Denn die Kritik ist ein dem Logos anverwandtes Unternehmen in der griechischen (critein = unterscheiden) Philosophie wurzelnd und seit jeher ein spezifisch abendländisches, und besonders seit der Sattelzeit und den drei Kritiken Kants, ein westliches, weißes (und viriles) Geschäft. Hat uns die Aufklärung (Enlightment) sehr viel helles Licht gebracht, so hat sie auch zahlreich grau schattierte Zweifelzonen eingerichtet. Als äußerst produktiv haben diese sich in der Schauerromantik und der Gothic Novel erwiesen und den von der Vernunft ausgegrenzten Themen Bereiche des Obdachs geschaffen. Doch dass die Semantik von „Hell“ und „Dunkel“, „schwarz“ und „weiß“ spätestens mit einer Aufarbeitung der Kolonialisierungsgeschichte (und aktueller Klage gegen deutsche Kolonialverbrechen an den Herero und Nami) hätte in Verruf geraten müssen, ist in vielen Zusammenhängen bisher unbekannt und deutet auf versteckte Rassismen und gewollte Neorassismen hin. Nicht zuletzt diverse Politikerreden sind häufig von einer solchen belasteten Semantik durchdrungen und gehören einer strikten Revision unterzogen, denn das Gute, Schöne, Erhabene im Namen eines hellen und weißen Humanismus zu adressieren, verweist auf ähnliche Implikationen wie das Fremde als Dunkles, Verhülltes und Unkenntliches zu diffamieren. Auch in der politischen Aktionskunst werden Hautfarben und Semantiken bewusst und teilweise mit riskanten Implikationen eingesetzt (hierzu die Aktionen des Zentrum für politische Schönheit). Im Seminar wollen wir uns quer durch die Medien und Disziplinen (Philosophie, Ethnologie, Kulturtheorie und Essay, Literatur, Stummfilm, Tonfilm, Serie, Fotografie, Theater) den verschiedenen Konstruktionen und Dekonstruktionen von schwarz/weiß widmen. Dabei wollen wir internationale (popkulturelle) Formate im Crossmapping mit kanonisierter germanistischer Literatur vergleichen und Klassiker der Post Colonial Studies (Said, Fanon, Spivak, Bhabha) und ihre folgenreichen Einflüsse verstehen.

Die Metapher

Die Metapher gilt als zentrale Operation der Literatur, als rhetorisches Stilmittel wurde sie zunächst in der Rhetorik und Philosophie seit Aristoteles (Rhetorik, Poetik) zahlreichen Definitionsversuchen ausgesetzt. Während die antike Traditionslinie (etwa Quintilian, Cicero) die Metapher gegenüber den Begriffen eindeutig abwertet (Substitutionstheorie), setzt sich besonders mit Blumenberg die These durch, dass die Metapher das (noch) Unsagbare auf den Weg bringt. Max Black spricht etwa von der Metapher als Erkenntnismittel. So setzt sich die Interaktionstheorie mit dem Ansatz einer Bedeutungserweiterung der Substitutionstheorie entgegen. Entsprechend unterschiedlich wird die Metapher in die Nähe zum Vergleich, zum Gleichnis, zur Katachrese, zum Bild oder zur Metonymie gesetzt. Im Seminar sollen auch diese angrenzenden oder verwandten Stilmittel untersucht werden und an ausgewählten und gemeinsam auszuwählenden kurzen literarischen Beispieltexten geprüft werden, welche Definitionen für die Literaturwissenschaft produktiv sind und vor allem, ob die Literaturen nicht selbst poetologisch Stellung zu schematischen und rhetorischen Theorien beziehen sowie retroaktiv die Metapher formen (etwa bei Robert Musil oder Franz Kafka). Dabei soll vor allem auch die psychoanalytische Tradition einbezogen werden (Freud, Lacan, Derrida), die mit Freuds „Verschieben“ und „Verdichten“ und Lacans linguistischer Revision (Metapher/Metonymie) explizite Nähe zu zeitgenössischen Literaturen und literaturwissenschaftlichen Überlegungen zur Verfremdung (Russischer Formalismus, Brecht etc.) aufweist. Ein besonderer Schwerpunkt des Seminars liegt in einer von antagonistischen Medienkonkurrenzen ausgelösten „Ikonisierung“ der Metapher; dabei sollen bisher zaghafte Ansätze zum Verhältnis von sprachlicher Metapher und visueller Metapher (Film, Video, Werbung) geprüft werden. Vorwissen ist wie immer nützlich, aber nicht ausdrücklich erwünscht. Das Seminar richtet sich an Anfänger und Interessierte gleichermaßen.

Wintersemester 2016

Von Menschen und Medien. Formprobleme der Moderne in Musils Mann ohne Eigenschaften (4stündig)

Ein Semester lang sollen ausgehend von einer punktuellen Close Reading-Lektüre verschiedene Perspektiven auf den schwarzen Monolithen der Deutschen Literatur geworfen werden. Der nach 21 Jahren Bearbeitungszeit bis zum Tode unvollendet gebliebene Roman Robert Musils greift alle zentralen Themen der Weimarer Geistesgeschichte auf und verfolgt diese bis zu ihren unheilvollen Wurzeln in die Antike zurück. Die Verflechtungen von Geschichte und Krise, Kapital und Sexualität, Mystik und Mathematik haben immer wieder Philosoph*innen, Literaturwissenschaftler*innen, Soziolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen zu eingängigen, überraschenden wie abstrusen Theoriebildungen herausgefordert. Wir wollen uns einiger dieser Lektüren widmen sowie im Kontext der zeithistorischen medienkulturellen Entwicklungen Ansätze für eine medienwissenschaftliche Lektüre erarbeiten.

Sommersemester 2016

Passagen

Die Weimarer Republik wird in der Forschung retroaktiv gerne als historische Passage, als die Zeit „zwischen“ den Kriegen theoretisiert. Dass eine Zeit nicht um ihre Passagenartigkeit Bescheid wissen kann, versteht sich nach dem Modell der klassischen Historiografie von selbst. Dennoch soll auf einer Augenhöhe mit den Theorien und Leitmedien (Film und Roman) der Weimarer Republik die Figur der Passage als „unzeitgemäßes“ Beschreibungsmodell im Sinne von Friedrich Nietzsche erprobt werden, die Texte und Medienphänomene über ihr Wissen von „ihrer“ Zeit als eine des Umschlags und des Durchgangs durchforstet werden. Auffällig ist dabei, dass eine gezielte Aufmerksamkeit auf Orte des Durchgangs, des Wartens, des Abschweifens, des Konsumierens in der Kultursoziologie eines Siegfried Kracauers, eine visuelle Erprobung von Passagen als Blickkonstellation etwa in den Filmen von Fritz Lang sowie eine ästhetisch Funktionalisierung der Passage als Figur(ation) (Flaneur, Spur, Aura) und Gattung (Passagenwerk) etwa bei Walter Benjamin. In der Literatur lässt sich eine Verarbeitung von Orten des Durchgangs etwa von Bahnhöfen, Cafés (Irgmgard Keun) und Hotels (Vicki Baum und Joseph Roth) sowie eine gezielte Funktionalisierung von Durchgangsmedien wie Türen (etwa bei Kafka), aber auch Adoleszenz- und Geschlechterriten im Sinne Genneps (Thomas Mann) feststellen.

Im Seminar wollen wir die Passage als textuelle Gattung, visuelle Metapher, als epistemologische und ästhetische Figur(ation), als topologisches/topografisches Modell ebenso wie als und ethnologische respektive soziologische Praxis in den Blick nehmen.

Kunst = Kapital. (Nicht-)ästhetische Theorien der Kunst

„Jetzt ist die arbeittragende Fähigkeit das Kapital. Geld ist ja gar kein Wirtschaftswert! Der Zusammenhang von Fähigkeit und Produkt sind die zwei echten Wirtschaftswerte. So erklärt sich die Formel des erweiterten Kunstbegriffes: KUNST = KAPITAL. Die Kreativität des Menschen ist das wahre Kapital.“ Joseph Beuys

Fast schon aufdringlich wird der Kunst (mindestens) seit der Pop Art und der ikonisch gewordenen Medienpräsenz Andy Warhols immer wieder unterstellt, dass sie vom Kapital durchdrungen sei, dass ihr Autonomie und Kritikfähigkeit durch eine Verschwisterung mit den Gesetzen des Kapitals endgültig abhandengekommen seien. Mit gigantischen Versteigerungssummen haben zuletzt Damien Hirst (mit For the Love of God
2007, für 75 Mio € bei Sotheby’s) und Jeff Koons (mit Balloon Dogs (Orange)
2013 für 58,4 Mio $ bei Christie’s), – ein Umweg über die Galerie, das Museum respektive eine konventionelle Ausstellung ist bei diesen Schwergewichten nicht mehr nötig –, unbestreitbar einen Paradigmenwechsel in die Welt der Kunst eingeführt. Unweigerlich tragen Milliardäre wie Bernhard Arnault, François Pinault oder Charles Saatchi dazu bei, Kunst für ihre globalen Marktstrategien zu instrumentalisieren. Auch deutschlandweit findet sich die Gegenwartskunst primär nicht mehr in öffentlichen Häusern, sondern in Privatsammlungen (etwa Falckenberg (Hamburg), Stoschek (Düsseldorf), Boros (Berlin), Götz (München)). Ob es sich bei diesen sichtbaren Umwälzungen um eine Ökonomisierung der Kunst oder um eine Instrumentalisierung ökonomischer Strukturen, eine kritikförmige Aneignung durch die Kunst handelt, wird Gegenstand unseres Seminars sein. Dabei wollen wir vor allem nicht-ästhetische Theorien und Modelle (Marx, Frankfurter Schule, Luhmann, Reckwitz, Danko) befragen, die uns den Zusammenhang von Kunst und Kapital erläutern, aber auch die Manifeste der Gegenwartskünstler_innen und Stellungnahmen der Sammler_innen befragen. Nicht zuletzt wird uns die literarische Befragung, wenn denn die Literatur vielleicht der letzte Gegen-Diskurs sensu Michel Foucault ist, des Verhältnisses von Kunst und Kapital beschäftigen; dazu werden uns die Romane Karte und Gebiet (2010) von Michel Houellebecq und Johann Holtrop (2012) von Rainald Goetz beschäftigen.

Wintersemester 2015/2016

Blockseminar „Kunst + Soziologie“ (gemeinsam mit Moritz Mutter, 7.-9. Oktober 2015)

Seit sich das offene Kunstwerk (Eco 1973) zu einer relationalen Ästhetik (Bourriaud 2002), die das Soziale thematisiert und soziale Beziehungen stiften soll, entwickelt hat, stellt sich mehr denn je die Frage, wie das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kunst zu beschreiben ist. Der Rätselcharakter des Kunstwerks (Adorno), welcher in seiner theoretischen Modellierung die Konzentration auf einen exemplarischen und singulären Rezipienten erfordert, franst mit einer relationalen Ästhetik, wie sie die Gegenwartskunst auszeichnet (Rebentisch 2014), in die soziale Situation aus. Im Happening, in der Performance oder Installations-Kunst wird Kunst plötzlich unbestimmt, sie löst sich vom konkreten materiellen Gegenstand und verlagert sich in einen Moment der Teilhabe oder sozialen Interaktion. Sie ist instantan, flüssig, entgrenzt und fordert klassische Beschreibungsmodelle der philosophischen Ästhetik ebenso heraus wie sie Kunsthistorik als historische Disziplin vor ihre Grenzen stellt. Die Tendenz der relationalen Ästhetik lässt sich zwar noch historisieren, ihre Verquickung mit anderen Funktionssystemen (Reckwitz 2012), die damit einhergehende Delokalisierung – Gegenwartskunst findet sich nicht mehr primär im Museum, in der Galerie oder auf großen Kunstmessen, sondern im öffentlichen (analogen wie digitalen) Raum – wirft Fragen auf, die nach einem interdisziplinären Zugriff verlangen, insbesondere aber die Expertise der Soziologie adressieren.

Kunstsoziologische Ansätze, die sich von Fragen einer philosophischen Ästhetik (das heißt dem Zusammenhang vom Wahren, Guten und Schönen) absetzen und erstmals nach dem Zusammenhang von Ästhetik und Gesellschaft fragen, sind mit einer großen Konjunktur insbesondere seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen. Zu vermuten wäre, dass hier die „transzendentale Obdachlosigkeit“, die Lukács 1914 in seiner Theorie des Romans konstatiert, die Kunst als gleichwertiges Sinnstiftungsmodell neben Religion, Politik oder Wissenschaft etc., treten lässt. Wonach diese mit Manifesten und gezielten Aktionen im öffentlichen Raum auch beginnt, sich als solche selbst zu definieren und zu reflektieren.

Das Verhältnis von Soziologie und Kunst war dabei immer zwiespältig: Leopold von Wiese gestand der Kunst 1930 im Rahmen seiner Verbindungslehre zwar zu, verbindend zwischen Menschen zu wirken, beklagte aber in der Nachkriegszeit die Tendenz der modernen Kunst, dieses Potential absichtlich brachliegen zu lassen. Eine zweite Welle der sozialen Intervention der Kunst lässt sich ab den 50er Jahren mit der Pop Art konstatieren. Die soziologische Reflexion reagiert eigentümlich stumm auf den konsumintegrierenden Gestus der Kunst (bspw. Andy Warhols).Mit der Beschreibung von Kunst als eines Funktionssystems in der Systemtheorie, vor allem aber den neueren Zweifeln an der Reichweite der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft von Seiten der Praxistheorien gerät auch die Frage nach dem Ort der Kunst von neuem in den Fokus: wenn Kreativitätspraktiken sich laut Andreas Reckwitz bis weit in die Wirtschaft ausbreiten, muss die alte Frage nach der Autonomie von Kunst (Adorno u.a.) umgedreht werden. Sie lautet dann nicht mehr: was bleibt von der Kunst, wenn alles Gesellschaft ist, sondern: was bleibt noch von der Kunst, wenn alles Kunst ist?

Im Seminar wollen wir dem Verhältnis von Kunst und (Kunst)Soziologie an diesen drei Schwellen nachgehen und die theoretischen Texte mit ihnen zeitgenössischer Kunst konfrontieren. Das Seminar findet als Blockseminar vom 7.-9. Oktober statt, jeweils von 10-18h, an einem der Tage ist eine Exkursion (in eines der Dresdner Museen) geplant. Das Seminar wird gleichzeitig in der Soziologie und Germanistik ausgeschrieben. Da die Teilnahme eine zuverlässige Vorbereitung, die Übernahme von Impulsreferaten und die exzessive Hingabe an theoretische Texte wie an moderne Kunst verlangt, bitten wir um ein 1seitiges Exposé, auf dem Sie bitte Ihr konkretes Interesse (evtl. an einem Beispiel, etwa die Herausforderung eines bestimmten Kunst,werks‘ oder eines theoretischen Zugangs problematisieren) schildern.

Auf der Grundlage der Exposés entscheiden wir, wer am Seminar teilnehmen wird. Eine Informationsveranstaltung sowie Vorbesprechung findet am 21. Juli, 16:40h (Raum 101, Wiener Straße 48) statt. Die Exposés sind bis zum 1.09. per Mail einzureichen an:

Tanja.prokic@tu-dresden.de und Moritz.Mutter@tu-dresden.de

Seminar (Bachelor) „Hello Kittler“

Ja, Sie haben richtig gelesen! Es handelt sich nicht um ein Hello Kitty-Seminar. Aber was denn dann? Wem gilt das Hello? Es gilt: Friedrich A. Kittler, Ikone der Medienwissenschaft, Streitfigur der Germanistik und Geisteswissenschaft, der er nachhaltig den „Geist“ ausgetrieben bzw. der Germanistik vorgeführt hatte, wie der Geist überhaupt als nichts weiter als ein Medieneffekt in die deutsche Nationalphilologie Einzug erhielt. Worin aber liegt das verbindende Glied zwischen Kitty und Kittler, jenseits einer brisanten Homographie?

Hello Kitty ist vielleicht die berühmteste Katze der Welt. Friedrich A. Kittler gilt als der Begründer der deutschen Medienwissenschaft. Hello Kitty eroberte den Weltmarkt durch ihre Anpassungsfähigkeit genauso wie durch ihren unverkennbaren Stil. Ihr schlichtes Katzengesicht ziert überladenes rosa Kinderspielzeug genauso wie zeitlosere Damen-Accessoires in Grau, Schwarz und Weiß. Sie ist Symbol von Stilikonen aller Altersstufen, Vorbild in Designfragen und findet sich auf Alltagsutensilien wie Toastern oder Flugzeugen, so dass man wohl von einem Hello Kitty-Effekt sprechen kann. Ein Effekt, der das alterslose Katzenfräulein mit dem Germanisten, der die Germanistik generalüberholte, verbindet. Gleichzeitig so überladen und schlicht sind die Ideen seiner Habilitation Aufschreibesysteme 1800/1900, mit der er die Germanistik in das Zeitalter einer avancierten, auf den Text ausgerichteten Medienwissenschaft führte. Der Kittler-Effekt stellt sich ein, wenn die beispiellose Kombination von Medientheorie (Toronto School), Psychoanalyse (Lacan), Grammatologie (Derrida) und Diskursanalyse (Foucault) auf die Grundfertigkeiten philologischer Lektüre trifft und über die Brillanz und Vielschichtigkeit einiger Sätze wie in Anbetracht eines Kunstwerks staunen lässt. Er stellt sich ein, wenn der Versuch an einem Genie teilzuhaben, das schließlich die Decodierung von Schaltplänen und Blaupausen der Lektüre von Goethe und Schiller vorzieht, in die Nachahmung eines bestimmten Gebrauchs des Deutschen, des sogenannten Kittler-Deutschs, mündet, oder eine Reihe von Epigonen (die Kittler-Jugend) hervorbringt, die den Geisteswissenschaften restlos den Geist austreiben, indem sie die Konstruktion eines Turnschuhs der Kenntnis klassischer Texte vorziehen.

Im Seminar wollen wir dem Phänomen Friedrich A. Kittler auf die Spur kommen. Seine frühen der Germanistik anverwandten Texte jenen Texten seiner technischen Wende gegenüberstellen, sowie seine Methodik und Ideen historisch und systematisch kontextualisieren (Lacan, Heidegger, Foucault, Derrida, McLuhan). Wir wollen uns gemeinsam in einem Close-Reading den teilweise schwierigen bis hermetischen Texten Kittlers widmen, sie am Originaltext (E.T.A. Hoffmann, Goethe, Kleist) prüfen, wollen seine Eleganz nachvollziehen und den Konsequenzen und Sackgassen seiner Überlegungen nachspüren.

Seminar (Lektürekurs MKW, LMU München) „Eyes wide shut – Texte zur Visual Culture“

Stanley Kubricks Verfilmung Eyes wide shut (1999) von Arthur Schnitzlers Traumnovelle (1925) gibt das thematische Spektrum und gleichermaßen die theoretische Prämisse für den Lektürekurs des Masterstudiengangs Medienkulturwissenschaft vor. Die Augen weit geschlossen hat die Rezipientin eines literarischen bzw. schriftlich verfassten Textes, nimmt sie zwar den Text primär über das Sinnesorgan „Auge“ auf, doch wird dieses gerade in seiner Wahrnehmungsvielfalt eigentümlich beschnitten: schwarze Buchstaben auf weißem Papier formieren das Einfallstor für eine bunte Imaginationskraft des „inneren Auges“. Besonders in der Medienkonstellation um 1800 wird die Visualität des Traums, der Malerei, der realen Realität (Natur und erste Stadterfahrungen) zur Herausforderung für den toten Buchstaben respektive das anästhetisierende Massenmedium Literatur. Die Hegemonie des Visuellen bleibt so eigentümlich unberührt von der Revolution der Schrift, was u.a. zu einer breiten Revision des Verhältnisses von Literalität und Oralität in den letzten Jahren der Forschung geführt hat. Besonders aber mit dem Aufkommen der Fotografie und des Films werden die Grundlagen für einen Paradigmenwechsel geschaffen, den BildwissenschaftlerInnen als Pictural Turn verhandeln. Unsere Kultur ist nun wieder primär eine visuelle, so lautet die einfache, aber zunächst evidente These der DenkerInnen der interdisziplinär ausgerichteten visual studies. Im Seminar wollen wir theoretische Grundlagentexte durch die entsprechenden Medienphänomene denken. Dabei soll vor allem das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Präsenz und Absenz, aber vor allem Phänomene des Dazwischen (also Unschärfe, blinder Fleck, Ränder, Entgrenzung) als Denkfigur und Darstellungsphänomen Aufmerksamkeit erfahren. Was heißt in unserer Kultur Beobachten? In welchem Verhältnis steht es zum Verkennen und Erkennen? Ist unsere Medienkultur inzwischen eine der totalen Sichtbarkeit? Und wie verhält sich Un/Sichtbarkeit letztlich zur Un/Sagbarkeit? Und wie verhält sich der Iconic Turn bzw. der Visual Turn zu anderen Turns, etwa dem Material Turn oder dem Acoustic Turn? Zum Abschluss des Blockseminars ist eine Exkursion in eine thematisch passende Ausstellung geplant.

Sommersemester 2015

Seminar (Master) „I’m a Cyborg but that’s ok – Von Menschen und Maschinen in Literatur, Film und TV-Serie“

Die Annäherungen zwischen Mensch und Maschine haben seit dem verstärkten Einzug der Science-Fiction-Stoffe ins Kino und in das so genannte Quality TV der 2000er Jahre verstärkt Konjunktur. Kontemporäre TV-Serien und Film-Sequels werfen wie kein anderes Medium die Frage nach „anthropologischem Wissen“ auf. Ein wunderbares Beispiel bildet hier einerseits die Serie Battlestar Galactica aus den Jahren 1978-1980 und das Reboot aus den Jahren 2003-2008. Andererseits gibt auch die Trilogie der Terminator-Filme (1984/ 1991/ 2003), die noch eine monokausal durch die Übermacht der Maschinen verursachte Apokalypse zeichnen und die Gegenüberstellung des TV-Serienformat Terminator – The Sarah Connor Chronicles (2007-2009) und das Film-Sequel Terminator Salvation von 2009 Aufschluss über signifikante Neufokussierungen der Frage nach dem Menschen. Die Frage nach dem Menschen im Unterschied zur Maschine nimmt gerade vor dem Hintergrund der aufkommenden Industrialisierung Kontur an. In der philosophischen Tradition werden ganze Diskurse über den Menschen, dessen Bestimmung und Möglichkeiten über die Differenz zu mechanischen Abläufen gefasst, so etwa bei Descartes (Discours de la methode (1637); Meditationes de prima philosophia, (1641)) Julien Offray de La Mettrie (Der Mensch eine Maschine (1749)) oder Immanuel Kant (Kritik der Urteilskraft (1790)). Die Literatur wird die Konstellation von Mensch und Maschine und Medium um 1800 (aufgreifen und die Parameter zu einer Hybridisierung von Mensch und Maschine, wie sie ab 1900 zu denken möglich und nötig wird vorwegnehmen: Von hier aus ist auch eine breitenwirksame Umstellung der Begrifflichkeiten zu verzeichnen, wo von der Maschine, dem Uhrwerk, der Eisenbahn, der Automate die Rede war, werden Begrifflichkeiten wie Android, Cyborg und künstliche Intelligenz etc. zu finden sein. Im Seminar soll eine historische wie systematische Perspektive auf die Konstellation Mensch-Maschine-Medium gewonnen werden. Wir werden uns daher sowohl mit Ausschnitten aus philosophischen und theoretischen Texten (17.-21. Jh.) , literarischen Texten (19-20.Jh.) wie Manifest-Entwürfen und Filmen (vor allem der 20er Jahre) und Serien (der 2000er Jahre) gleichermaßen zu beschäftigen, um die Mensch/Maschine-Thematik durch das Seminar begleitende Fragen zu profilieren: Die Frage 1) nach seriellen Logiken, die mit der Reproduktion und Produktion der Maschine in Arbeits- und Lebenskontexten verbunden sind 2) nach dem Verhältnis von historische Anthropologie und Medienanthropologie, d.h. die Frage nach dem Menschen im historischen Kontext sowie vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Medienkultur 3) nach dem Verhältnis von Fiktion und Fakten, d.h. die Frage inwiefern unser Wissen von Realien von fiktionalen Entwürfen durchtränkt ist.

Seminar (Bachelor) „Der Frosch, ein Medium? Einführung in die Medienwissenschaft“

Mit seinem Aufsatz „Der Frosch – ein Medium?“ verfolgt der Medienwissenschaftler Stefan Rieger ein zweischneidiges Projekt; einerseits reagiert er auf einen inflationären Einsatz des Medien-Begriffs in den Medien- und Kulturwissenschaften der letzten zehn Jahre. So wurde neben den (technischen) Kommunikationsmedien und künstlerischen Medien auf einmal sämtliche Alltagsgegenstände zum Medium erklärt, kontraintuitive Themen unter einem medientheoretischen Ansatz verhandelt: Mode, Möbel oder gar Tiere wurden zu Medien. Andererseits legt Rieger mit einem Rückgriff auf die Wissenschaftsgeschichte, speziell auf das wissenschaftliche Experiment dar, wie der Frosch tatsächlich zum Medium avancierte. Die Lektion Riegers könnte man mit dem Titel eines Aufsatzes von Joseph Vogl (Medien-werden) konturieren, ein Medium muss erst durch einen bestimmten diskursiven und historischen Zusammenhang zu einem solchen werden. Ein Medium ist nicht per se, d.h. apriori ein Medium. Ein solcher Ansatz wird von den meisten philosophischen Ansätzen der Medientheorie favorisiert, dabei ist der zentrale Gedanke, dass ein Medium, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, immer latent bleiben muss, daher die Medialität hinter die Botschaft zurücktritt. Erst da, wo das Medium in seiner Latenz versagt, mache es sich selbst sichtbar, hörbar bzw. wahrnehmbar. Wir kennen alle solche Störungen unserer Medien, das weiße Rauschen des Fernsehers, das Rauschen des Radios oder Telefons, ein Browser ohne Internetzugang, eine unleserliche Handschrift … etc. Marshall McLuhan der erste selbst deklarierte Medientheoretiker ging sogar soweit zu behaupten, dass die Botschaft das Medium selbst sei. In diesem Seminar wollen wir uns mit den führenden Medienbegriffen (Toronto School, Luhmann, Kittler und Schüler, Krämer, Mersch, Vogl) ebenso wie mit solchen avant la lettre (Benjamin, etc.) auseinandersetzen und sehen, was die Medienwissenschaft eigentlich als Wissenschaft ausmacht. Da es Ziel des Seminars sein soll, die Medienbegriffe auch am Beispiel zu diskutieren, ist vorgesehen, nach einer 2stündigen Einführung (und gemeinsamen Projektplanung für das Semester, auf ein 4stündiges Seminar (alle 2 Wochen) umzusteigen, so dass genug Diskussionsraum für die auf unsere Texte zu beziehenden Beispiele (wie Film, Literatur, Musik, Video, Bild, Fotografie… ect.) bleibt.

Seminar (Lektürekurs MKW, LMU München) Previously on… Serielle Kultur und technische Reproduktion“

Der Lektürekurs MKW spezialisiert sich in diesem Semester auf den Zusammenhang von Serialität und technischer Reproduktion. Dabei soll die Überlegung Walter Benjamins zum Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit zugespitzt werden: Und zwar auf die Idee, dass die rasant ansteigenden Optionen technischer Reproduzierbarkeit(en) der Moderne eine spezifische Signatur aufprägen, die sich unter dem Schlagwort Serialität beschreiben lässt. Fortsetzungsromane, Fortsetzungserzählungen oder Bildergeschichten finden ihre Radikalisierung in der Reflexion und Reduktion des Seriellen als Prinzip von Kultur schlechthin. Hier wird uns vor allem der Paradigmenwechsel in der modernen Kunst der 50er Jahre beschäftigen, im Besonderen der Zusammenhang von Populärkultur und Pop-Art. Wir wollen klassische Medientheorien ebenso wie mediale Phänomene auf ihr Wissen zur Funktion von Serialisierung sowie zur Struktur von Serialität befragen. Dabei wird uns auch der Trend zu Prequels und Sequels sowie die Tendenz zur Praxis des Remake beschäftigen. Das Seminar findet als Blockseminar nach dem Sommersemester statt. Es wird jedoch eine vorbereitende Sitzung mit Besprechung des Seminarplans und der Vergabe von Kommentaren bereits im Juni stattfinden, sowie ggfs. die Planung einer kleinen Exkursion innerhalb von München (Ausstellung oder Galerie).

Wintersemester 2014/15

Seminar (Bachelor) „Sehen lernen. Visueller Stil zwischen Fabula und Syuzhet“

David Bordwell gilt, neben seiner Frau Kristen Thompson, als (Mit-)Begründer der sogenannten Wisconsin School, welche die amerikanische Modulation des Neoformalismus auf die „Sprache des Films“ zu verantworten haben. Die Dreifachunterscheidung zwischen visual style, fabula (story) und syuzhet (plot), welche die Wisconsin School vornimmt, gilt als eine der Grundlagen filmischer Analyse und eröffnet eine wunderbare operative Basis, um Filme sehen zu lernen und sie für die weitere medienkulturwissenschaftliche Interpretation zu öffnen. Im Detail wollen wir gemeinsam Szenenanalysen betreiben und uns vorrangig den affektiven und narrativen Funktionen des visuellen Stils im Geflecht mit fabula und syuzhet widmen. Welche Funktionen beispielsweise haben Unschärfe, Split Screen, Farbgebung, Black Screen/White Screen oder Dissolve? Was erzielt die Mise-en-Scene, was die Bildeinstellungen? Die einzelnen visuellen Stile und Mittel verfolgen wir quer durch die Filmgeschichte, an Hand von Beispielen ausgewählter Autorenfilmer sowie Genre-Klassiker.

Seminar (Master) „Automaten, Brillen, Spiegel: Verdopplungen der romantischen Literaturen“

Die Literatur der Romantik steht in einem engen Wechselverhältnis zur Erfindung und Verbreitung einer Reihe an optischen Erfindungen (Laterna Magica, Diorama, Panorama etc.). Gemeinsam wollen wir im Seminar der Frage nachgehen, ob die Verdopplung der Welten in der romantischen Literatur sowie die Verdopplung von Figuren und Räumen eben dieser Errungenschaft zahlreicher optischer Erfindungen geschuldet sind, oder ob die Zuspitzung der bereits aus der Mystik bzw. dem Siglo D’oro bekannten Motiv- und Themenkonstellationen eine Verlängerung des aufklärerischen und idealistischen Gedankenguts darstellt. Besonders E.T.A. Hoffmanns Werk wird uns dabei näher beschäftigen, nicht nur weil es faktisch als eines der erfolgreichsten dieser Zeit gilt und damit gesellschaftsanalytisch funktionalisiert werden kann, sondern weil Hoffmanns Werk darüber hinaus ein hohes medienreflexives Potenzial auszeichnet, welches wiederum erlaubt, poetologische Rückschlüsse auf die Funktionen von Literatur vorzunehmen. Entsprechend wollen wir uns auch das Feld der Optik dieser Zeit etwas genauer ansehen.

Übung (Master MKW; LMU München) „How to do things with words.Theorie und Praxis der Filmkritik“

In dieser Übung, die als Blockseminar stattfindet, geht es uns darum, zwei mediekulturwissenschaftliche Kerngebiete, nämlich Sehen und Texten, praktisch zu verbinden: Wie kann ich das gesehene in Worte fassen, meinen LeserInnen gleichzeitig Einblick in die Handlung sowie eine Einordnung in das kulturelle Archiv vornehmen, ohne meinen Text mit Informationen zu überfrachten? Wie wird mein Text leserfreundlich? Gibt es Regeln? Was muss ich beachten? Wir üben an noch kaum rezensierten Film-Beispielen. Ziel ist es, Lang- und Kurzrezensionen auch online (etwa bei Philtrat oder Medienobservationen) zu veröffentlichen.

Sommersemester 2014

Vorlesung „Methoden und Grundfragen der Medien- und Kulturwissenschaften“
In dieser Einführung in die Medien- und Kulturwissenschaft wollen wir uns über die verschiedene Theorien und Modelle an die großen Fragen der Kultur wagen. Ausgewählte Fragen der Vorlesung lauten: Was ist überhaupt Kultur? Wie dieselbe überhaupt beobachten? Was ist ein Medium? Was haben Medien überhaupt mit uns und der Kultur zu tun? Wozu braucht man eigentlich Theorie? Geht es vielleicht auch ohne? Seit wann sind Männer und Frauen nur kulturelle Konzepte? Wieso ist Geschlecht ein Resultat der Anrufung? Können Dinge Handlungsträger werden? Kann Literatur auch ein Medium sein? Muss man es erst lernen, Filme zu sehen? Was hat der Film mit der Literatur zu tun?
Die Vorlesung wird begleited von einer Powerpoint, die vorab ins Netz gestellt wird. Listen mit weiterführender und verwendeter Literatur werden ebenfalls im LSF stehen. Die Bereitschaft, Textauszüge oder den ein oder anderen Film zu sehen, ist erwünscht, aber nicht verpflichtend. Die Studierenden sind angehalten, Fragen und Ideen zur Vorlesung per Mail zu senden.

Übung „Sehen lernen. Theorien und Modelle der Filmanalyse“
Dass wir manchmal schon lange bevor es die Handlung preisgibt, wissen, welche zwei Figuren zusammenfinden, dass der Held oder die Heldin gar nicht tot ist oder wer der Mörder ist, verdanken wir dem gezielten Einsatz filmischer Techniken, deren Konventionen wir seit Kindertagen implizit beherrschen.
In dieser Übung, die neben den Studierenden des Masters MedienKulturwissenschaft für sämtliche Interessierte offen ist, wollen wir eben solche filmische Konventionen unter Berücksichtigung filmwissenschaftlicher Literatur an ausgewählten Beispielen gemeinsam diskutieren. Dazu gilt es einzelne filmische Techniken auf ihren erzählerischen Einsatz (z.B. Splittscreen, Black Screen, White Screen, Dissolve) zu untersuchen, sowie typische Erzählanfänge wie Schließungsfiguren quer durch die Genres (Western, Horror, Komödie, Science-Fiction) und die Epochen des Films zu prüfen. Ausflüge in den europäischen und globalen Autorenfilm sollen dabei über den Bruch und das Spiel mit etablierten und eingeschliffenen Erzählstandards in den Blick genommen werden. Diese Übung setzt sich zum Ziel, eine Kernkompetenz der MedienKulturwissenschaft, wenn nicht sogar unserer gegenwärtigen Kultur, zu vermitteln bzw. zu verfeinern: das filmische Sehen.

Workshop „Quentin Tarantino“ an der HFF München

Wintersemester 2013/2014

Seminar (Master MKW) „Lichtspiel und Tondebüt. Das Kino der Weimarer Republik“
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges spiegelt die geistige Landschaft Deutschlands ein eigentümliches Nebeneinander von epistemologischer Krise und blindem Beharren auf die geistesgeschichtliche Tradition wider. Und obgleich zahlreiche große Erzählungen des 20. Jh. teils noch ausstehen, scheinen sie dazu verdammt, ohne Anspruch auf alleinige Deutungsmacht für sich beanspruchen zu können, in diesem Nebeneinander aufzugehen.
Entgegen einer retroaktiven Historiographie, die die Weimarer Republik unter proto-faschistischer Perspektive (Elsaesser vs. Kracauer/Eisner) fasst, soll im Seminar eine mediale Historiographie (Engell/Fahle) erprobt werden, die die Jahre zwischen 1918 und 1933 als Heterotopie (Foucault) zu fassen sucht, um der spezifischen Situation des Nebeneinander von Deutungsentwürfen gerecht zu werden. Als fast schon musealer Unort scheint diesen Jahren die Signatur der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Luhmann/Nassehi) eingeprägt, nicht zuletzt in Folge einer bis dato einzigartigen intermedialen Konstellation. Im Zentrum dieser Konstellation steht das Medium Film, selbst einer paradigmatischen Umbruchsituation vom Stummfilm zum Tonfilm ausgesetzt. Von ihm aus soll der Versuch unternommen werden, das mediale Dispositiv (Hormann) dieser Zeit als Reflexion, Symptom und Apriori (Kittler) der Erfahrung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu rekonstruieren. Dabei ist die theoretische Prämisse leitgebend, den Film als Ort des Nicht/Wissens (Fahle) zu verstehen, der seine Form über ein spezifisches Resonanzverhältnis zum (inter)medialen und sozialen/interkulturellen Außen gewinnt. Die daraus resultierenden Konsequenzen für eine adäquate Methodik jenseits eines nur hermeneutischen und philologischen Zugriffs werden im Seminar ebenfalls zentraler Gegenstand der Diskussion sein.

Lektürekurs (Master MKW) „Von A wie Arnheim bis Z wie Zizek. Schriften zu Medien, Kunst und Literatur

Sommersemester 2013

Vorlesung „Methoden und Grundfragen der Medien- und Kulturwissenschaften“
Proseminar „Kafka mit Foucault. Foucault mit Kafka“

Mit keinem anderen Namen in der Philosophiegeschichte ist der Nexus von Macht, Sexualität und Wissen so eng verknüpft wie mit dem von Michel Foucault. Kein Literat hatte die Ökonomie von Macht, Begehren und Sexualität so beunruhigend und mit performativem Nachhall ins Werk gesetzt wie Franz Kafka. An manchen Stellen liest sich sein Werk wie eine Vorwegnahme, eine literarische Illustration der wissenschaftlichen Thesen Foucaults. Und auch Foucault verzichtet nicht auf eine poetisch anmutende Sprache, um seinen Thesen jenes Gewicht zu verleihen, das Kafkas Texten anhaftet. Wechselseitig sollen sich im Seminar Dichter und Denker zur Sprache bringen. Dabei sollen vor allem Foucaults Thesen zur Geschichte der abendländischen Rationalität dazu dienen, die literarischen „Vorwegnahmen“ Kafkas in ein historisches Wissensdispositiv seit der Aufklärung zu situieren.
Proseminar „Literatur verfilmt und ver-filmt“

Im Spannungsfeld der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Literaturverfilmungen kommt es einerseits zu einer normativen Disqualifizierung des Films gegenüber seiner literarischen Vorlage, andererseits, speziell unter der Forschungsperspektive der Intermedialität, zu einer komplexen Würdigung des Transformationsprozesses von Literatur in Film. Der Titel „Literatur verfilmt und ver-filmt“ nimmt gleichermaßen auf die Extrempositionen dieser Diskurslage Bezug. Speziell Positionen, die Literatur als Objekt des Verfahrens der Verfilmung (Wagner 2012) fassen, müssen sich dabei der Herausforderung eines rigiden Literaturbegriffs stellen. Wohingegen Ansätze, die den Prozess der Verfilmung produktiv im Sinne einer Verschiebung, Veränderung (Bohnenkamp 2012) oder Vermehrung fassen, auf beide Medien gleichermaßen, d.h. auf ihre jeweilige Medienspezifik zu fokussieren haben. Um die Risiken einer Aushandlung des Literaturbegriffs zu Gunsten einer Beschäftigung mit dem Transformationsprozess zu bannen, sollen im Seminar kanonische Texte der neueren deutschen Literatur und ihre Verfilmungen untersucht werden. Zur Einführung werden wir uns mit verschiedenen Grundlagentexten zur Literaturverfilmung und Intermedialität auseinandersetzen, um ein Begriffsinventar zu erarbeiten, von dem aus wir Literatur/Verfilmungen beobachten können.
U.a. sollen dabei eine Rolle spielen, der Umgang mit Textinserts und Erzählern aus dem Off in Eric Rohmers Verfilmung von Heinrich Kleists „Marquise von O.“ und R.W. Fassbinders Verfilmung von „Effi Briest“, sowie filmisches Schreiben im literarischen Text am Beispiel von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und Fassbinders serieller Umsetzung. Der Umgang mit Visualität im Medium der Literatur und im Medium des Films wird an Hand der Gegenüberstellung von Schnitzlers „Traumnovelle“ und Kubricks „Eyes Wide Shut“ eine entscheidende Spur für das Verständnis der medialen Differenzen bieten.

Wintersemester 2012/13

Proseminar „Movies that matter – Zur Materialität des Films“

Der Film wurde in der Geschichte seiner wissenschaftlichen Untersuchung sowohl als Kunstwerk, als Zeichensystem, als ideologischer Apparat als auch in seiner historischen oder diskursiven Dimension, in seiner Formalästhetik sowie gendertheoretisch, philosophisch und medientheoretisch reflektiert. Obzwar ihm eine spezifische Materialität, vor allem durch medientheoretische Ansätze, zugestanden wird, bleibt diese sowohl in filmanalytischen als auch in filmtheoretischen Arbeiten weitgehend unbeobachtet. Den medientheoretischen Impuls aufgreifend sollen im Seminar Materialitätsphänomene des Films untersucht werden. So wäre zunächst die Materialität des Trägers, d.h. Verbreitungsmedium und Format der Filmaufzeichnung von Interesse. Bekanntlich gehen mit jedem Aufzeichnungsformat sowohl Restriktionen und Konventionen der Ausstrahlung als auch bestimmte Konventionen der Kameraeinstellung und der Montage einher. Materialität bezieht sich nun aber auch auf die dargestellten Materialitäten, d. h. auf die kinematografischen Gegenstände und deren organische wie artifizielle Texturen. Auch hier soll speziell die Wechselwirkung mit dem Format der Filmaufzeichnung in den Fokus geraten. Gerade die Materialität des Aufzeichnungsmediums (Bild wie Ton) bildet eine Vorentscheidung für die In/Visibilisierung von kinematografischen Objekten und ihren Oberflächenstrukturen. So werden die im Film dargestellten Gegenstände gerade durch eine explizite Betonung ihrer Texturen in ihrer Funktion für die Diegese beobachtbar und beschreibbar.
An Hand filmhistorischer wie zeitgenössischer Filmbeispiele soll die Dimension der Materialität als filmwissenschaftliche wie medienwissenschaftliche Perspektive erprobt werden. Zur Teilnahme am Seminar wird sowohl Lesebereitschaft wie Medienkompetenz vorausgesetzt. Die Kenntnis der entsprechenden Filme zu den jeweiligen Seminarsitzungen versteht sich ebenfalls als strikte Bedingung für die weitere Teilnahme am Seminar.

Hauptseminar „Geschicht(en) des Auges“ zs. mit Prof. Dr. Oliver Jahraus 

Mit den Bemühungen um die wissenschaftliche Inthronisierung der Subjektivität als Fundament des Denkens wählte sich die Philosophie des 18. Jahrhunderts seltsamerweise eine Metapher, die doch im schärfsten Gegensatz zu dem stehen musste, wofür die rationalistische Wende in den Philosophien dieser Zeit einstand. Ausgerechnet einer der als unzuverlässig eingestuften Sinne sollte zur Metapher für die Unterscheidungskraft des Geistes avancieren: das Auge. Nicht zuletzt die geistige und politische Strömung der Aufklärung (Enlightenment) baute auf dem semantischen Feld des Auges auf und garantierte der Augen-Metapher einen einschneidenden Erfolg in der kulturellen Konfiguration des Abendlandes. Tauchte die Metapher des Auges schon im religiösen Kontext und in der Metapher des inneren Auges vor allem in der Dogmatik sowie Mystik des Spätmittelalters und des Siglo de Oro in den unterschiedlichsten Konnotationen auf, so erfuhr sie durch die Indienstnahme der Aufklärung einen folgenreichen Zuschnitt: Durchsichtigkeit, Transparenz, Sichtbarkeit als Effekte einer durch die sehende und unterscheidende Tätigkeit der Vernunft, diskreditierten fortan Erkenntnisweisen, die auf dem Anderen beruhten und das Dunkle und Opake favorisierten. Mit der Wende zum okularzentristischen Paradigma findet die Moderne ihren Auftakt und lässt sich in der Oszillation zwischen Licht und Schatten, Schwarz und Weiß, Vernunft und Wahnsinn in den vielzähligen Geschichte(n) des Auges rekonstruieren und dekonstruieren (man denke an die Ausmaße und Umstände der Kolonialisierung, die gerade durch diese Differenzierungslinien ihre hegemonialen Bestrebungen plausibilisierte). Im Seminar wird vor allem ein Theorieimport aus der Filmwissenschaft, in der das Auge als Schnittstelle zwischen Zuschauer und Medium und der Blick als Leitkriterium von Genderkonfigurationen zahlreich bearbeitet wurden, hilfreich sein, um eine erweiterte Perspektive auf klassische Werke der Literaturgeschichte zu erarbeiten. Dabei sollen Handlungs- und Konfliktstrukturen, die sich in visuellen Konstellationen verdichten ebenso wie jene Rückschlageffekte untersucht werden, die solche ,Geschichten des Auges‘ auf jenes Medium haben, in welchem sie erzählt werden, seien diese nicht-visueller oder – in einer autoreflexiven Figur – gerade auch selbst visueller Natur, wie der Film.

Sommersemester 2012

Einführungsseminar „Einführung in die neuere deutsche Literatur“ (Kurs I)
Vorlesung „Methoden und Grundfragen der Medien- und Kulturwissenschaften“
Kolloquium „Operation Kino – Die Filme von Orson Welles“

Wintersemester 2011/12

Proseminar „Theorien der Rezeption und Ästhetik“

„Er [Hegel] und Kant waren die letzten, die schroff gesagt, große Ästhetik scheiben konnten, ohne etwas von Kunst zu verstehen.“ (Theodor W. Adorno)

Die philosophische Ästhetik verdankt ihren Status als eigene Disziplin erkenntnistheoretischen Impulsen gegenüber dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts. Gemäß ihrer Begriffsherkunft von Aisthesis (gr. Wahrnehmung, Gefühl, Verständnis) sucht sie die Beziehung von sensitiver Erfahrung als bloße Wahrnehmung und kognitiver, d.h. reflexiv gefilterter Erkenntnis in der Kunstbetrachtung auszuloten.
Begründer der phil. Ästhetik Alexander G. Baumgarten nähert sich erstmals dem Erkenntnisproblem, indem er sensitive Wahrnehmung durch eine kognitive Erkenntnis ergänzt. Er bereitet den systematischen Boden, auf dem Immanuel Kant seine Kritik der ästhetischen Urteilskraft ansiedelt. Er entwickelt eine Theorie des Schönen als Theorie des Geschmacksurteils über das Schöne. Georg F. W. Hegel bietet den letzten systematischen Ansatz im Bereich der ästhetischen Theorie. Theodor W. Adorno wird später gerade an diesen systematischen Ansätzen kritisieren, dass sie im Kontext einer einheitlichen Weltanschauung nicht bis zur Individualität von Einzelwerken vorstoßen. Gerade in jenem Moment also, wo die Einheitlichkeit einer Weltanschauung nachhaltig verloren geht, entstehen eine Vielzahl von differenten ästhetischen Überlegungen. Zwar lassen sich diese Überlegungen bereits im Umfeld der praktischen Umsetzung von Kunst, bspw. für das Theater (Lessing) oder für das Drama (Schiller) finden, eine Aufnahme in die philosophische Ästhetik finden diese Fragen eher am Rande, denn philosophische Ästhetik verfährt systematisch als Erkenntniskritik. Erst mit Wolfgang Isers und Hans Robert Jauß’ Rezeptionstheorien verschafft sich die Frage nach dem Rezipienten erneut Gehör. Im Seminar wollen wir ausgewiesene philosophische Ästhetiken ebenso berücksichtigen wie literatur-ästhetische Rezeptionstheorien und dabei die Gelegenheit nutzen auch auf moderne Rezeptionstheorien zu blicken, wie sie die Filmwissenschaften konzipieren. Zentrale Frage des Seminars soll dabei lauten, wie das Verhältnis zwischen Einzelwerk, Medienspezifik und holistischen (ästhetischen) Modellen ausfallen müsste, um den Fragen, die moderne Kunst aufwirft, gerecht zu werden.

Proseminar „Aug’ um Aug’. Zahn um Zahn. Zur Rache der Frau in medienkomparatistischer Perspektive“

Rache am betrügerischen Ehemann, am Vater, an Kinderschändern, an Mördern, an Vergewaltigern. Rache an der Mutter. Rache an den eigenen Kindern. Rache am Schreiben. Rache an der Geschichtsschreibung. Rache an der Filmgeschichte. Rache an der eigenen Sexualität. So unterschiedlich der Anlass für gewaltige Taten bzw. Gewalttaten von Frauen auch sein mag, es zeigt sich, dass diese nahezu ausschließlich aus dem Geist der Rache motiviert sind: mal aus einer mythologischen Tradition heraus, wie beispielsweise die femme castratrice des Rape & Revenge-Movies der 70er Jahre (z.B. I Spit on Your Grave), mal aus politischer (z.B. Antigone) oder aus psychologischer Motivation heraus. Die Rache der Frau im Kino bspw. scheint mit einem hochgradig audio-visuellen Ästhetizismus einherzugehen, das zeigen vor allem Quentin Tarantinos Filme, deren Heroinen in der Tradition des japanischen Racheengels stehen (z.B. Lady Snowblood) oder gerade männliche Ideale ästhetisch adaptieren (Death Proof). Aber auch literarische Texte, wie Elfriede Jelineks oder Christine Angots Texte erlangen ihre rächende Wirkung über ein hohes poetisches Reflexionspotential. Wie immer sich Frauen rächen, ihre Rache scheint schön, wahr oder zumindest gerecht. Selten scheint sie dagegen heute noch unberechtigt, selten scheint sie nicht nachvollziehbar. So speist sich weibliche Rache aus Darstellungskonventionen einer langen historischen Tradition und wird von den verschiedensten Texten als eine ästhetische Strategie funktionalisiert, der wir im Seminar u.a. unter gendertheoretischen Kriterien (Judith Butler) kritisch nachgehen wollen. Dabei soll ausgehend vom antiken Medea- und Elektra-Stoff eine Linie über Neubearbeitungen (Hugo von Hoffmannsthal, Franz Grillparzer, Heiner Müller, Pier Paolo Pasolini) zu Texten (Friedrich Dürrenmatt, Elfriede Jelinek, Christine Angot etc.) und Filmen der Gegenwart (Tarantino, Lars von Trier, Miike etc.) gezogen werden.

Kolloquium „Operation Kino – Das Werk von Pier Paolo Pasolini“

Pasolonis tolldreisten Geschichten werden wir im kommenden Semester die lange Nacht von 43 widmen, Ortsbesichtigungen in Palästina vornehmen, Notizen für einen Film über Indien anfertigen, sowie Notizen zu einer afrikanischen Orestie. Wir wollen erotische Geschichten aus 1001 Nacht lauschen, Große Vögel, kleine Vögel sowie Hexen von heute beherbergen. Uns fragen Wer nie sein Brot mit Tränen aß und bei einem Gastmahl der Liebe schließlich eine Geometrie der Liebe entwickeln.

Sommersemester 2011

Proseminar „The Address of the Eye – Zum Status des Körpers in den Filmwissenschaften“

Wenn Natalie Portman in Black Swan ihren Spitzenschuh nach einem kurzen Aufschrei öffnet, und wir einen Blick auf ihren blutigen Nagel erhalten, dann fühlen wir ein körperliches Unbehagen, eine Erinnerung an einen Schmerz, der uns Aufzucken lässt. Wenn sich Holly Golightly und Paul ,Fred‘ Varjak im Regen endlich finden, dann spüren wir vielleicht die Sehnsucht und Erfüllung in ihrem Kuss. Wenn in Gaspar Noes Irreversible der Kopf eines Mannes nach und nach mit einem Feuerlöscher zu Brei geschlagen wird oder die Vergewaltigung einer Frau ganze 9.51 Minuten gezeigt wird, dann wünschen wir uns in körperlicher Anspannung, dass es bald aufhört. Wir sehen hin und wünschen uns wegzusehen. Die erste Adresse des Kinos ist unser Auge als körperliches Organ, die zweite das Ohr. Auditive und visuelle Wahrnehmung gelten als die Sinne schlechthin, die das Kino anspricht, als jene Sinne, die eine ästhetische Auseinandersetzung bedingen und fördern. In einer Denktradition, die sich in Kants Kritik der Urteilskraft begründet, ist es der Kunst jedoch, und insbesondere dem Film, nicht möglich, die Nahsinne (olfaktorische, gustatorische, taktile) anzusprechen. Im Rückgriff auf neuere Ansätze, die sich mit dem Aspekt der körperlichen Widerfahrnis durch das Kino bzw. den Film auseinandersetzen, soll dem Phänomen Körper auf mehreren Ebenen entgegenkommen werden. Denn schließlich ist der auditiv-visuelle Prozess von einer Reihe körperlicher-affektiver Reaktionen begleitet, u.a. Lachen, Weinen, Gänsehaut, bis hin zum Erbrechen. So stellt sich unter anderem die Frage, welche Genres den Körper explizit ansprechen, welche ihn durch eine vorrangig intellektuell geprägte Auseinandersetzung ausblenden, welche Verfahren der Adressierung bestehen und vor allem welche Techniken der Immersion, d.h. Einspeisung qua Bewusstsein oder qua Körperlichkeit, bestimmte Rezeptionslinien vorgeben.

Basisseminar „Gegenwarten. Theorien und Literaturen des Augenblicks“ zs. mit Prof. Oliver Jahraus

Kaum ein Begriff erlaubt eine so polyvalente Bezugnahme wie jener der Gegenwart. Als die Differenz von Vergangenheit und Zukunft zeichnet Gegenwart eine eigentümliches Oszillationsverhältnis aus. Sie ist weder nur (ab)geschlossen noch nur möglich. Sie oszilliert in einem Dazwischen. Sie ist auf dem Wege einer Schließung, sie engt die Möglichkeiten ein. Gegenwart ist Zukunft auf dem Weg in die Vergangenheit. Gegenwart ist nicht. Sie war oder wird sein. In ihr manifestiert sich das Paradox der Zeit schlechthin: Zeit ist nicht, sie ist nur in ihrem Vergehen. Die Unsagbarkeit der Gegenwart, die stete Nachträglichkeit ihrer schriftlichen /visuellen/ sprachlichen Reflexion, macht sie gewissermaßen zu einem zeitlosen Thema. Ein zeitloses Thema, dass sich stets zeitspezifisch, d.h. historisch variabel stellt. An Hand ausgewählter literarischer und theoretischer Texte soll die Polyvalenz der Gegenwart überprüft werden und

Kolloquium „Operation Kino – Tendenzen des neuen asiatischen Kinos“

Studierendenworkshop: „Gegenwart kontrovers – Kino kontrovers“ an der LMU

Wintersemester 2010/11

Proseminar: „,There is no such thing as a bad coincidence‘ –Der Kriminalroman, literaturwissenschaftliche Methodik und das psychoanalytische Paradigma“

Dass der Erfinder der Psychoanalyse, eine große Leidenschaft für Kriminalromane hegte, dass die die Konjunktur des Kriminalromans mit Entdeckung psychologischer Profile steigt, ist kein Zufall. Vielmehr scheint die eigentümliche Verstrickung der Gattung Kriminalroman, Psychoanalyse und literaturwissenschaftlicher Praxis ein und demselben „hermeneutischen Zwang“ zu unterliegen: wir wollen verstehen, warum, wie, wann und wo es dazu kam, dass dieser oder jener zu diesem und jenen Zeitpunkt dies oder jenes getan hat und vor allem: warum! Die Untat liegt im Dunkeln – will aufgedeckt werden, im Akt des Aufdeckens verschmelzen literaturwissenschaftliche Praxis und detektivische Kompetenzen. Getrieben durch die Frage nach der Schuld, dem Begehren nach Objektivität und der Unzulänglichkeit der menschlichen Beobachtungsfähigkeit verschärfen sich die Mechanismen des Beweises, der Beweisführung hin zur totalen Objektivität und prägen ein Erkenntnisraster, das weit über den bloßen Genuss an Kriminalliteratur hinausgeht. Der moderne Mensch wird zum Derivat des Detektivs – die Welt eine Frage der Detektion. Vom Ödipus bis zur/zum Literatur/Film der Gegenwart soll dem Modell des Detektiv, seiner Konjunktur und seinen radikalen Konsequenzen für die Moderne nachgegangen werden.

Einführungsseminar: „Einführung in die neuere deutsche Literatur“ (Kurs 17)

Kolloquium „Operation Kino – Metafilme“

Außer Atem wollen wir der Kunst des Kinos dienen und ihm Die besten Jahre unseres Lebens schenken. Erbarmungslos Teil von Ekel und Verhängnis, Verachtung, Liebe und Zorn werden. Mit der Faust im Nacken werden wir, Schwere Jungs – leichte Mädchen uns im Irrgarten der Leidenschaft verlieren. Als Die Unbestechlichen werden wir stets in Gedanken tragen, dass das Kino „The stuff that dreams are made of“ ist. Wir werden den Geschichte(n) des Kinos lauschen, mit ihnen Tisch und Bett teilen. Unser Dinner beginnt um acht und es endet nicht bevor die Lichter der Großstadt ausgehen oder Die Letzte Metro fährt. Kraft des Wortes werden wir unsere Rechte schützen. Nach der Reifeprüfung werden wir sagen „We accept him, one of us“. Als die Opfer einer großen Liebe werden wir bei der letzten Vorstellung schreien: Vorhang auf, Ich kämpf um Dich. Mit Herzflimmern werden wir sagen, Aufwiedersehen bis morgen!

Sommersemester 2010

Proseminar: „Textkörper – Körpertext: Zur Prominenz von Körperdiskursen in Literatur und Theorie“ zs. mit Anne Kolb

Erzählungen materialisieren sich in der Schrift. Obgleich sie sich im zweidimensionalen Raum ansiedeln, haben sie das Potential einen Körper zu erschaffen: einen Textkörper. Mit der Schrift entwickelt sich die eigentliche Möglichkeit der Erzählung. Körpertexte, so würde man vermuten, handeln auf der inhaltlichen Ebene von Körpern. Eine Richtung der Erzähltheorie besagt, nicht zwischen Discours- und Histoire-Ebene der Erzählung zu unterscheiden: nach dieser theoretischen Einstellung zufolge, dürfte es sich bei der Bezeichnung Textkörper Körpertexte nicht um zwei verschiedene Phänomene handeln, sondern vielmehr um ein Phänomen aus verschiedenen Einstellungen. Jeder geschriebene Text hat notwendiger Weise einen Körper, aber erzeugt er auch einen?
Präsenz und Absenz sind konstitutive Bestandteile jedes literarischen Textes. Literatur lebt geradezu von Leerstellen ebenso wie von Erzähltechniken, die einen präsentischen Sog zu entwickeln vermögen. Die Frage, wie Literaturen Absenzen setzen und Präsenzen erzeugen, birgt nicht nur die Möglichkeit einen Text interpretativ zu erschließen, sondern erlaubt der Frage der Literarizität der Literatur neu zu begegnen.
Das Verhältnis von Textkörper und Körpertext auszuloten, stellt ein Instrument der Textanalyse bereit, das ermöglicht, Literatur auf seine Präsenzeffekte hin zubefragen und über die bloße Erzählung in die beschaffenheit des textes einzutauchen. Im Seminar sollen systematisch das Zusammenspiel von Textkörper und Körpertext ausgelotet werden, an Hand von einigen theoretischen, sowie erzähltheoretischen Überlegungen wollen wir an ausgewählten Literaturbeispielen im close reading-Verfahren Text auf ihre erzählerischen Verfahren untersuchen.

Einführungsseminar: „Einführung in die neuere deutsche Literatur“ (Kurs 1 und Kurs 3)

Studierendenworkshop: „Gegenwart kontrovers – Körper kontrovers“ an der LMU

Sommersemester 2009

Proseminar: „,Feminismus reloaded‘? Das Wissen der (weiblichen) Literatur von Sophie von La Roche bis Elfriede Jelinek“ zs. mit Anne Kolb

Anfang 2008 entzündete sich vor dem Hintergrund eines deutlich auszumachenden Booms an Frauenliteratur, darunter vor allem Titel wie „Neue Deutsche Mädchen“ und „Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht“ eine hitzige Debatte um Tendenzen eines neuen Feminismus in Deutschland. Nicht zuletzt brillantes Marketing und eine schlampige Literaturkritik platzierten so auch Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ im Februar 2008 in den Kontext dieses neuen, jungen Feminismus. Im Oktober 2008 erschien, sich in die „new feminism“- Strömung einreihend, sodann die erste Ausgabe des sogenannten Missy Magazine, das es sich unter dem Wahlspruch: „Feminismus ist passé? We don’t think so“ zum Ziel macht, Popkultur, Politik und Style mit einer feministischen Haltung zu verbinden. All diese Projekte erklären eine pornographiefeindliche, feministische Haltung à la Emma für tot und setzen ein jugendliches, an die „moderne“ Popkultur angelehntes Programm entgegen. „Dieser Feminismus ist beweglich, solidarisch“, sagt die Frankfurter Rundschau mit Fingerzeig auf die neue „Alphamädchen“-Kultur, „er richtet sich nicht [mehr] gegen die Männer, sondern gegen gesellschaftliche Strukturen“. Doch wie jugendlich und gesellschaftlich subversiv kann ein Projekt sein, das seine Wurzeln in einer mindestens 200jährigen Geschichte der Emanzipation hat? Mit einem kritischen Blick auf die Geschichte der Frau in Literatur und Film wollen wir gemeinsam das kritisch-gesellschaftliche Potential des „Feminismus reloaded“ untersuchen und die Chancen und Risiken beleuchten, die sich aus einem marktnahen Feminismus ergeben können.

Studierendenworkshop: „Gegenwart kontrovers in Literatur – Musik – Film – Bildender Kunst” an der LM